José María Perceval

Und was machen wir mit den Kindern der Morisken?  

 

Tranvia, Revue der Iberischen Halbinsel, 2, juli 1986, p.48-50.  

Tranvia, Revue der Iberischen Halbinsel

 

Mi agradecimiento a la profesora Brunhilde Wehinger por recomendar este artículo para su publicación. 

Mi agradecimiento al profesor Walter Frey por la edición de este trabajo.

 

 

Die Schiffe waren im Begriff, die Anker zu lichten. In Los Alfaques, Valencia, Alicante, Sevilla ist eine Viertelmillion Menschen zusammengetrieben worden, die auf Schiffe verladen und aus Spanien abgeschoben werden sollte.

Man schreibt das jahr 1609. Der ehrenwerte Herzog von Lerma hat im Namen des Königs, Philipps III., die Ausweisung der Morisken, der Nachfahren der alten Muselmanen auf der Iberischen Halbinsel, beschlossen, obgleich sie im jahre 1523 gewaltsam getauft worden waren. Gewig, hier handelt es nicht um die erste und einzige Vertreibung, sondern um das Ende einerganzen Folge, die dazugeführt hat, dag der Norden Afrikas mit Siedlungen belebt wurde, die bezeichnenderweise “andalusies” genanntwerden. Den Rest bildet eine Masse eingeschüchterter Individuen, die aufgrund des königlichen Bannerlasses aus dem letzten Winkel des Reiches vertrieben werden sollten.

Die Historiker ‑ von Pascual Boronat und Henry Lapeyre bis Bernard Vincent und Antonio Dominguez Ortiz –diskutieren über die tatsächlichen Zahlen dieser letzten und endgültigen Vertreibung. Die Zahlenangaben bewegen sich von einhundertfünfzigtausend bei einigen bis hin zu einer halben Million bei anderen, möglicherweise zu hoch gegriffenen Schätzungen. Die Chroniken sind in dieser Hinsicht indes eindeutig: Diejenigen, die vertrieben werden sollten, mubten schnell ihre Gerätschaften und Einrichtungsgegenstände verkaufen; dann wurden sie von Soldatèn, die sie angeblich vor den Nachbarn schutzen sollten, zusammengetrieben und von ihren Beschützern ausgeraubt.

Viele sterben auf der Reise an Erschöpfung, andere an Hunger und Krankheit. Jaime Bleda, Pedro Aznar Cardona oder Damian Fonseca haben sich über diese Ereignisse die Finger wundgeschrieben, und ohne das geringste Mitgefühl zu zeigen, sind sle der Ansicht, dab es hier um eine Gottesstrafe für die Verfehlungen der Morisken geht. Die Ausplünderung der Vertriebenen endet jedoch nicht im Verschiffungshafen; vielmehr müssen die Reichen die Überfahrt der Armen bezahlen; in vielen Fallen werden sie gezwungen, das einzige, was sie hätten mitnehmen können, Gegenstände aus Edelmetallen und Schmuck, zurückzulassen. Manche Kapitäne weigern sich, ihre menschliche Ladung bis Afrika zu bringen, setzen siestattdessen auf  hoher See aus. Obwohl das nicht auf allen Schiffen der königlichen Flotte vorkommt, haben viele Morisken aus Angst vor den Soldaten für die Uberfahrt doppelt bezahlt.

Und schlieblich erwartet sie auf der anderen Seite etne feindliche Umgebung; denn was die zeitgenössischen Autoren jener Epoche zu rechtfertigen suchen und worin man ihnen bis heute mit grober Beharrlichkeit gefolgt ist, trifft nicht zu: Die Morisken erinnern sich in ihrer übergroben Mehrheit nicht rnehr der arabischen Sprache, auch haben sie höchstens noch eine verschwommene Vorstellung von der muselmanischen Religion. Die erwähnten Autoren, begierig auf einen totalen Völkerrnord ‑ zu dem es dann doch nicht kam -, berichten uns von einem katastrophalen Ende fast aller Vertriebenen; und obgleich sie offensichtlich übertreiben, trifft es sicher zu, dab die Moglitchkeit, die Flüchtlinge ungestraft auszurauben und zu morden, aus der  mühseligen Überfahrt nicht gerade eine Vergnügungsreise gemacht hat.

Während in den Häfen Fanatiker wie Jaime Bleda die Wachtposten dazu anstacheln, zu verhindern, dab sie, die Morisken, Gold und Silber mitnehmen, haben sich auch zaghafte Stimmen erhoben, um eine letzte Barriere gegen die bevorstehende Vertreibung zu errichten: Was machen wir mit den Kindern der Morisken?

Die Frage der Kinder

Vor zehn Jahren formulierte der Herr Dr. Barceló auf einem Historikerkongreb in Valencia eine Reihe von Fragen, die, später dann in einem kleinen Artikel zusammengefabt, seither die Experten beschäftigen. Die Frage der Kinder wird als ebenso wichtig wie die Vertreibung selbst angesehen und hat ähnlich viele Streitgespräche hervorgerufen wie die Frage nach der Rechtmäbigkeit dieser Mabnahme. Immerhin waren die Kinder getauft und daher frei von der Erbsünde; demnach war es unmöglich, sie für ein Vergehen zu verurteilen, das sie sich nicht hatten zu Schulden kommen lassen, nämlich das der Ketzerei. Es war daher gesetzwidrig, sie in die Sklaverei zu schicken. Angesichts der Unmöglichkeit einer allgemeinen Kindesentführung entschieden die staatlichen Autoritäten schlieblich, dab die Kinder ihre Eltern begleiten durften.

Die Kinder schuldig zu sprechen, hätte bedeutet, bösartige, an die Rasse geknüpfte Charakteretgenschaften als erblich anzusehen. Die Kirche hatte nur die unheilbringende getstige Vererbung gelten lassen, von der man durch die Taufe befreit werden konnte. Daher konnten im Jahre 1492 die judischen Kinder ohne Gewissensprobleme ausgewiesen werden. Angesichts dieser neuartigen Situation, in der sich das Problem stellte, eine getaufte Minderheit aus der Gesellschaft auszusto ben, befanden sich die anti mortskischen Polemiker auf der Schwelle zu einer rassischen Lösung. Die Regierung wagte jedoch nicht, diesen Schritt zu tun. ‑ Folgende Geschichte sei erzählt:

Das Problem der Moriskenkinder wurde von den sogenannten Assimilationisten als Vorwand benutzt, einen Ethnozid begehen zu können, ohne sich dabei eines Genozids schuldig zu machen. Sie wollten das Moriskische vernichten, ohne die Morisken als Individuen zu töten. Deshalb vertauschten sic in ihrem Vorhaben, das über alle Maben abstrakt und utopisch war, die Rübe mit dern Stekken ‑ z.B. das Verbot, arabisch zu sprechen, sich traditionell arabisch zu kleiden oder arabische Namen zu verwenden, die Bäder zu benutzen ... ‑, damit man die Morisken für Christen halten könne. Etne Serie von Mabnahmen, darunter Bibelstudien, Kontrolle der Religionsausübung der Erwachsenen und Erziehung der Kinder in Schulen, wo sie von ihren Eltern getrennt waren, sollte dazu dienen, die Vergangenheit weiter auszulöschen. Diese Politik war während des ganzen 16. Jahrhunderts vorherrschend. Hinter den schönen Versprechungen einer endgültigen Integration der Morisken in die Gemeinschaft der Christen verbarg sich die allgegenwärtige Ausbeutung durch die Herren der Aristokratie und der Kirche. Dies wurde mit dem Hinweis darauf gerechtfertigt, dab der Moriske wie ein Kind sei, das man beschützen müsse, ein junges Pflänzchen im christlichen Garter, ein schutzbedürftiges Lämmchen aus der Herde Christi.

Gegen die Politik der Assimilationisten wandten sich die Verfechter der totalen Ausrottung, die den Überresten den alten al‑Andalus ein für alle Mal den Garaus machen wollten. Sie, die Verfechter des Reinen, zeignen die Epressung der Morisken an und verlangten eine Rückkehr zu den unerschütterlichen Werten den kriegerischen Christentums. Die Morisken sollten vernichtet warden, zumindest jedoch vertrieben. Jaime Bleda stellt in seiner ‚Cronica de los moros de Espana` von 1622 folgende Theorie auf: Die Morisken sind nur Tell der eroberten Kriegsbeute, besiegt, aber nicht tot; angesichts der Unmöglichkeit, die gesamte Bevölkerung von al‑Andalus physisch zu liquidieren, sind sie tote Seelen, die noch zum Nutzen der Christen geduldet warden. Ihr Ende besteht zweifelsohne darin, ins Jenseits befördert zu werden, wohin sic gesetzmäbig bereits gehören.

Und die Kinder? Das Vernunftalter bewegte sich zu jener Zeit zwischen sieben und zwölf Jahren. Bis zu diesem Zeitpunkt warm sie durch ihre bei der Taufe erhaltene Unschuld geschützt. Später, nach einem Jahrhundert der Verfolgung lurch die Inquisition, zeigte sich, dab um welchen Morisken auch immer es sich handelte – dieser seine offenkundige Verfehlung gegen den Glauben unter der Folter eingestand.

Die Verfechter der totalen Ausrottung gaben sich alle Mühe ‑ trotz der offiziellen Annahme der Erklärung den Konzils von Trient über das Vernunftalter ‑, die Grenze für die Schuldzuweisung so weir wie möglich herabzusetzen. Der Patriarch San Juan de Ribera vertrat die Ansicht, dab bereits alle, die älter als drei Jahre warm, von den Ideen ihrer Eltern angesteckt seien. Anderen gelang es, diese Ansichten noch zu unterbieten mit dem Spruch von der „schlechten Milch“, der sich bis heute in Spanien als populäre Redensart erhalten hat. Als Relikt dieses alten Disputs hat sich die , Frage' erhalten: Beeinflubt die Muttermilch den Charakter? Julio Caro Baroja hat sich mit dem Stillverbot durch Maurische oder jüdische Ammen befabt; selbst in gesellschaftlich gutgestellten Schichten und in kultivierten Kreisen glaubte man also an die Möglichkeit den schlechten Einflusses durch die Muttermilch.

Es fehlte nur ein Schritt, und ein Autor, Damian Fonseca, hat ihn in seinem Buch ,Junta expulsion de los moriscos de Espana’ getan. Nach Fonseca ernahrt die moriskische Mutter ihr Kind während der Schwangerschaft mit verunreinigtem Blut, das den Charakter verdirbt. Wir befinden uns im Jahre 1611, und Damian Fonseca eilte seiner Zeit nur um ein Jahrhundert voraus im Blick auf das, was sich später die biologische Theorie den Rassismus nennt. Doch bereits hier zeichnen sich die Widersprüche gegenüber den christlichen Glaubenssätzen der nachtridentinischen Ära ab.

Als die Vertreibung darn konkrete Gestalt angenommen haste, wurde der König unschlüssig: Es wurde Befehl erteilt, die Kinder unter zwolf Jahren zurückzuhalten, dann wurde das Alter auf sieben, fünf, drei Jahre herabgesetzt. Schliefblich wurde den Eltern nur gestattet, die Säuglinge und Kleinkinder mitzunehmen, falls sie ihnen auf dem Weg noch nicht entrissen worden waren. Die Vizekönigin von Valencia hielteigens den Zugschwangerer Moriskinnen auf, um ihnen die Kinder unmittelbar nach der Geburt wegzunehmen.

Der Patriarch San Juan de Ribera, ein fanatischer Verfechter der totalen Ausrottung, forderte ein Verzeichnis all jener Kinder, die in Spanien geblieben waren, in der Absicht, wie er verkünden lieb, ihre Erziehung zu überwachen. Aznar Cardona schlägt in seinem Buch ,Expulsion Justificada de los moriscos espanoles` einen Purzelbaum nach dem anderen, um sämtliche Ungereimtheiten zu umgehen. Aznar bestätigt, dab die Gesamtheit dieser Kinder auf der beschwerlichen Reise umgekommensei. Aber getauft wiesie waren, sei ihnen das Himmelreich sicher und den Eltern jede Möglichkeit genommen gewesen, sie vom Christentum abspenstig zumachen, und zwar dank des königlichen Ausweisungserlasses: Indem dieser den Tod ihrres irdischen Körpers bewirkte, habe er sic zum ewigen Leben geführt.

Mit diesem Witz wurde der ganze, komplexe, theologische Streit ad acta gelegt.

  Perceval, José María, "Und was machen wir mit den Kindern der Morisken?, Tranvia, Revue der Iberischen Halbinsel, 2, juli 1986, p.48-50.  

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Brunhilde Wehinger, professeur de Lettres à l’Université libre de Berlin, travaille depuis de nombreuses années sur la culture épistolaire, l’histoire culturelle des relations franco-allemandes, le transfert culturel France-Allemagne, ainsi que l’histoire des femmes au XVIIème et XIXème siècle. Auteur de nombreux livres ( Discours concurrents : études sur la littérature française au XIXe siècle, Transfert culturel en Europe au XVIIIe siècle: littératures en Europe - littérature européenne? ), articles et études, notamment sur Anne de Bretagne, Voltaire, Diderot, Rousseau, George Sand, Flaubert, Proust…, elle est éditrice de la collection Gender Studies Romanistik (Berlin), et co-éditrice de Tranvia, Revue der Iberischen Halbinsel (Berlin).